Alpen bis Venedig

Kaprun – Großglockner – Dolomiten – Venedig – Trentino – Ötztal

September 1994

Dienstag 20.09.1994 – Start meiner 1. Motorradtour *seufz*.
Damals wurde in Deutschland noch alles ›per Hand‹ gefahren, ohne die heute geschätzten Autoreisezüge. Folgerichtig galt es nun, die blaue Yamaha XS 400 DOHC (ja genau! – die mit dem hässlichen Rechteck-Scheinwerfer) möglichst sparsam zu bepacken und schon zogen sagenhafte 27 PS die leicht füllige Fuhre auf der [A7] [A3] [A9] [A99] [A8] Richtung Süden.

Recht matt nach der Raserei (der anderen) wurde das Abendprogramm am Etappenziel Prien am Chiemsee bewusst minimalistisch gestaltet. Schon der nächste Morgen bewies angenehm den proportionalen Zusammenhang zwischen Wetter und Urlaubslaune. Logisch konsequent ging’s durch die Entenlochklamm nach Austria (A) – bis verdächtige Benzintropfen lokalisiert wurden. Der eigentlich sehr zuverlässige Stahlmuli konnte bei Yamaha in Lofer am Benzinhahn notdürftig abgedichtet werden, zumindest sah es da noch so aus…

Auf dem Weg nach Kaprun wurde ein schweißtreibender Zwischenstopp in Lederklamotten beim steilen Lambrechtsofenloch eingelegt, bevor am Folgetag Mensch und Material zuerst in der Kitzlochklamm, dann am Filzensattel (1.292 m) aufgewärmt wurden. Nach der energischen Besichtigung der hochspannenden Kapruner Stauseen dann wieder den Lenker zum Himmel: Panorama nur gegen mächtige Maut beim trefflich benannten Hochtor (2.575 m) am Großglockner. Chancenlos kämpfte der Pasterze-Gletscher gegen gar nicht zarten Schmelz.

Und ab ging’s, römisch ruinös an Aguntum bei Lienz vorbei nach Toblach (I). Beim Objekt der Begierde – den Dolomiten – wurden tags darauf die Drei Zinnen selektiert. Gegen Extra-Lire für Privat-Asphalt ab Misurinasee und nach ledrigem Fußmarsch dann die majestätischen Nordwände aus kriegserprobter Stollen-Perspektive. Cortina d’Ampezzo klang mondän und abgesperrt. Nebenan machte die Kurverei vom Passo di Falzárego (2.105 m) zum Passo Pordoi (2.239 m) Laune. Nur die hässliche Holzwollgämse war doch wohl der Gipfel!

›Steter Benzintropfen höhlt den Stiefel‹, folgerichtig wurden jetzt ADAC-Schutzbrief-konforme Gegenmaßnahmen getroffen und im Fassatal ein blitzblanker Benzinhahn zum Flughafen Venedig geordert. Bis dahin konnte über den Karersee-Zaun und den rot-weiß-karierten Rosengarten-Ansturm nur der Helm geschüttelt werden. Somit sofortiger Rückzug von deutscher Wander- und Abgas-Idylle über den Passo di Valles (2.033 m) und durch den Canale di Agordo zum genialen Passo di San Boldo (706 m) mit seinen glitschigen Kehrentunnel an der schwitzigen Südrampe.

Unten dann zelten am See bei Vittorio Véneto (vgl. 2012) an der Freibad-Ruine unter Aufsicht einer ›Seele von Mensch‹ vor seiner Wohnwagen-Ruine. Typisch italienisch startete der warme Tag bzw. der Motor zur Frühstücks-Akquisition im »Alimentari« an einer staubigen Piazza. Nach Genuß einer Panino-Salami-Kombination setzte der geplante Bergtrieb zum Col Visentin ein, zumindest bis zur Schotter-Schranke für Straßenreifen. Pontons halfen über den Piave-Fluß und mit viel Gefühl im Gewühl wurde der venezianische Lagunenrand erreicht.

Strategisch günstig war das noch offene Basislager in Punta Sabbione – entsprechend hoch der Füllgrad. Aber die Bootsfahrt morgens nach Venedig schont Ohren und Nase, wie die weitere Busfahrt am Molloch Mestre vorbei zum Aeroporto Marco Polo zeigte. Nicht viel los dort – die Frachtleute von Halle A wollten nur ein Papier aus Halle B und einen Stempel aus Halle C. Entspannt ging’s mit Benzinhahn unterm Arm zum Canale Grande zurück, um im Linienboot die Feucht-Metropole ohne die übliche Besucher-Meute zu sehen.

Diese hatte inzwischen auf der Rialtobrücke für Stop ohne Go gesorgt. Somit der Plan, als Bootsflüchtling zunächst die leckagefreie Brennstoffversorgung am Bike zu sichern – Umweltschützer hätten hier nur gestört. Anschließendes Abhängen am verwaisten Strand wurde dank aufkommender Beaufort-Werte bis hin zum Sandstrahlgebläse doch arg verkürzt. Auch am Folgetag ging die Taktik des antizyklischen Venedig-Besuchs voll auf – diesmal am Nachmittag. Allerdings versperrten immer noch hartnäckige Reisegruppen die Eingänge.

Egal, auf der Piazza herrschte dank guter Fütterung eine ausgeglichene Touristen-Tauben-Relation – gut zu sehen vom Campanile (Turm) am Palazzo Ducale mit angeschraubtem Fluglöwe, dem ›alter ego‹ vom Heiligen Markus. Der Name ist hier Programm – wenig überraschend daher die Basilica di San Marco (nur echt mit fünf Kuppeln) in dunstiger zweiter Reihe. Als Touristen-Phobiker kam man von dort leicht zu malerischen modrigen Plätzen abseits des täglichen Hauptstroms, nur sollte der Rückweg mit einem Straßenplan gesichert werden.

Apropos Rückweg – durch den Canale di Brenta in die Region Trentino gerollt, wurde alsbald am tiefblauen Molvenosee das Nachtlager errichtet. Der ZuGang zur Brentagruppe scheiterte leider am frühen Saisonende der motorgestützten Aufstiegshilfen. Dann der Pass-Hattrick: Zuerst der Passo del Tonale (1.884 m) mit Ski-Ghetto, gefolgt vom brillanten Passo di Gávia (2.621 m) mit seiner spannend zerbröselten Südrampe und zum Schluss das berühmte verkehrsreiche Stilfser Joch (2.757 m) mit seinen 48 abgrundtiefen Kehren an der Ostrampe.

Die Wanderhemden-Stampede vorm Zelt in Prad beschleunigte meinen Exodus via Meran hoch zum Timmelsjoch (2.491 m). Der gelati-glatte Scheitel-Tunnel nach Tirol (A) erlaubte nur einen Kurzstopp beim verwunderten Hüttenwirt. Nix wie runter vom Eisblumenparadies! ›Frau Holles‹ Weckruf verdunkelte das Textildach im Ötztal, trotzdem wurde locker flockig der Stuibenfall angestiefelt. Sonnig aber kalt danach die schöne Nebenstrecke über das unspektakuläre, jedoch mit Rollsplitt verzierte Hahntennjoch (1.894 m) ins Lech- sowie Tannheimer Tal.

Nach der letzten Hügelhürde heimwärts, dem Oberjoch (1.178 m) (D), lauerte am Grüntensee-Camp noch eine glaziale Sonderprüfung bei Minus 5°C. Vorteil hierbei: Die Handschuhe brauchten nachts nicht extra ausgezogen werden. Schlimmer aber die kommende, nahezu komplette [A7], wo auch ein gerolltes T-Shirt vor der rechten bzw. Gasschulter dem eisigen Wind kaum Paroli bot. Trotzdem – am Donnerstag, 06.10. hatte und war ich geschafft von der kleinen, feinen und manchmal gemeinen Tour auf zwei Rädern. Ride on!