Alpen bis Camargue

Genf – Briançon – Sisteron – Arles – Aigues‑Mortes – Ardèche – Grenoble

September 1997

Motorradtour IV – *tusch* Huckepackzug-Premiere von Hamburg-Altona nach Lörrach bei Basel (CH).
Eben noch illegal mautfrei getürmt und schon wurde zwischen Delémont und La Chaux-de-Fonds ›Jura‹ studiert. Obgleich mit einem Tagessatz kaltem Seitenwind bestraft, gab’s beim Vue des Alpes (1.283 m) unvergitterte Sicht auf den Lac de Neuchâtel. Nach Mosaik-Musterung Römische Mosaiken, Urba der römischen Puzzle-Profis von Urba ging’s am strukturschwachen Franko-Zonenrand via Col de la Faucille (1.320 m) ins wuselige warme Genf mit seinem zierlichen Zierbrunnen Jet d’Eau, gerade mal 140 Meter hoch.

Hohe Verkehrsdichte tags darauf Richtung Stadtgrenze (F) und Col de Aravis (1.498 m) mit sonnigem Mont Blanc-Blick. Nach olympia-reifer Durchquerung von Albertville und idyllischer Überquerung des Col de la Madeleine (1.993 m) bot la Chambre ein forestrales Kleinod. Von Zeltboden auf Waldboden startete zeitig meine zünftige Tagesschleife im Uhrzeigersinn: Col de la Croix de Fer (2.067 m), wo hochalpin und hochmotiviert der Lac Bramant (2.448 m) angegangen wurde, plus der Abschluss-Abfahrt über den Col du Glandon (1.924 m).

Pass-Pensum am Folgetag: Col du Télégraphe (1.566 m) vor dem legendären Col du Galibier (2.704 m) und Col du Lautaret (2.058 m) mit Polar-Panorama auf den Glacier de la Meije. Damit nicht genug: Hinter Briançon ging eine 30-km-Sackgasse mittenmang zur Ecrins-Wiese nach Pré de Madame Carle mit schattigen Treibhaus-Eisresten vom Glacier Noir. Tunnelblick-Patienten fanden bei Embrun eine Piste zum Col du Parpaillon (2.645 m) – neugierige Zossen und dunkle, hochspannende Wasserkrater für Klaustrophobie-Kandidaten inklusive.

Modische Erosion am Seeufer des Lac de Serre-Poncon zeigten die behüteten Demoiselles coiffées in Form von Felsen. Jetzt einfach auf der Durance treiben lassen bis hin zur geologischen Wunderwelt um Sisteron, dessen exorbitante Citadelle gegen gute Francs atemberaubende Ausblicke anbot. Zum Stein-Erweichen etwas südlich die Rochers des Mées in Mönchsformation. Okzidental orientiert (ein Widerspruch in sich) durchkurvten die [D951] [D950] endlos die Provence – für meinen Geschmack eine etwas zu liebliche Landschaft.

Aber zum Glück ansteigende Ästhetik für ambitionierte Alpinisten: Erstaunlich lau das Lüftchen am mistral-rasierten ›Riesen‹ Mont Ventoux (1.909 m) mit Endzeit-Atmo und Tour-de-France-Tragik. Nebenan lockte Vaison-la-Romain mit Tiberius’ Théâtre Antique, der tsunami-traktierten Pont Romaine über die Ouvèze und andere antike Accessoires. Während frühe Freeclimber versuchten, an den verkalkten Dentelles de Montmirail ihre Zähne zu behalten, wurde es hinter bzw. am Carpentras schon wieder recht touristisch und ›budistisch‹.

Selbige im September bestens mit Souvenirs gefüllt, was man vom Wasser in Fontaine-de-Vaucluse nicht unbedingt behaupten konnte. Ein Quell der Freude war der sorgenfreie Marsch an der Sorgue zum tiefer gelegten (taucher-tückische 315 Meter!) Tümpel trotzdem. Hinter St. Rémy kam es dicke mit antiken Klumpen. Scheinbar war auch semi Südfrankreich unterwegs, also besser keine Visite am Sonntag. Auf der Sohle des Plateau les Antiques trotzten dem Besucher-Treck das Juliergrabmal plus Triumphbogen Triumphbogen, l. Antiques à la verwaiste Autobahnbrücke.

In Gegenrichtung die reichhaltigen griechisch-römischen Reste von Glanum, 737 n. Chr. von den Sarazenen eingesackt. Ein paar Kurven weiter thronte der Burgfelsen von Les Baux (Chemiker aufgehorcht: Bauxit ⇨ Aluminium). Im 11. Jahrhundert von rebellischen Wüterichen überbaut, mehrfach mächtig überrannt und jetzt von einer brütenden Blechlawine überrollt. Die Sonne brannte, also musste ein ›stilles‹ Wasser her! Tipp: Schatten unterm Aquädukt neben der [D33] bei Arles an der Rhône, wo es im Kreisverkehr mal wieder rund ging.

Ziel im Karossen-Konvoi auf der boa-esken [D570]: Stes. Maries-de-la-Mer, als Wallfahrtsort bei Sinti & Roma sowie bei ›Allemann‹ mit Badelatschen beliebt. Diese turnten mit Kameras auf Kirchen rum, suchten das Camargue-Klischee  Pferde  Stiere  Flamingos . Im Westen ein massives Muss: Die Stadtmauern von Aigues-Mortes, mittags ›mild‹ und leer. Im Osten nagte †o†e Nutria am Weg die Hitze Trockenheit, Camargue am Verstand. Also Rückzug von den Salinen Richtung Arles, wo Augen und Ohren (zumindest eines ;-) für die malerische Van Gogh-Brücke offen gehalten wurden.

Vergeblich. Dafür gab’s werktags unverstellte Sicht von der feist festen Abbaye de Montmajour und reichlich Parkraum vor der Moulin de Daudet Moulin de Daudet des windigen Dichters. Tarascon war dagegen echt monumental mit Château und Ste. Marthe. Nicht mit Wasser gekleckert, sondern mächtig geklotzt wurde am UNESCO-zertifizierten Pont du Gard Aquädukt Pont du Gard, dem imperialen Hydro-Highlight auf dem Weg zum schluchtartigen Paddler-Paradies Gorges de L’Ardèche. Fast zu spät noch ein tropfnasser Abstieg 120 Meter in die Aven d’Orgnac. Genialer Aufzug ;-)

Der Morgen gehörte der Haute Corniche mit Pausen-Panorama ab Felskante, z.B. auf die Naturbrücke Pont d’Arc Pont d’Arc, Ardèche bis hin zur Kulturbrücke Pont-Saint-Esprit – mittelalte 919 Meter über die Rhône. Und wo sind die Berge? Im Osten auf der [D94] bis zum Linksabbieger bei Rémuzat und schon lockte Luc-en-Diois gleich dreifach mit Zeltplatz, Wasserfall Saut de la Drôme und der zerbröselten Felsflanke Le Claps. Nach Norden ging es steinig weiter via Cirque d’Archiane, Col de Menée (1.457 m), dem Meisterw *äh* berg Mont Aiguille bis Grenoble.

Dort mittags ohne Autokorso auf breitem Boulevard und kleinen Kehren hinauf zum Fort de la Bastille mit steiler Kugelbahn. Wie eine Kartäuser-Katze schnurrte die Yamaha likör-frei über die Chartreuse nach Aix-les-Bains mit einem sakralen Seeblick auf die Abbaye d’Hautecombe. ›Juristisch‹ korrekt, aber sonnenlos die Schlaf-Schlucht Gorges de Flumen bei St. Claude. Nach einem Stiefel-Stopp an den regengrauen Cascades du Hérisson mit September-Spartaste suchte der angehende Aquanaut ab Besançon auf breiter Spur das Weite.

Dem heiteren Himmel sei Dank kam das hinter(Colmar)letzte Zwischenziel in trockene Tücher – der Wallfahrtsort Sainte Odile südwestlich von Strasbourg. Allerdings kurvten so einige grenzdebile PKW-Pilger zu den diversen Devotionalien. Das Gute am KulturGut war der grenzenlose Blick von der Vogesen-Kante (763 m) auf die Rheinebene in göttlicher Abendsonne. Goldgelb wurde diese auch von mehreren Märtyrer-Mücken angehimmelt, die blutrot gegen mein Visier klatschten. Also Parkplatz-Putzpause vor der Schengen-freundlichen Fluss-Traverse bei Schwanau (D) zum unfreundlichen Zeltplatz bei Bühl. Final noch reichlich [A5] [A7], machte zusammen 3.415 km. très joli!