Alpen bis Côte d’Azur

Chamonix – Susatal – Sturatal – Hyères – Cassis – Marseille – Vercors

September 2003

Freitagabend, 19.09.2003 war es wieder soweit:
Die Honda Transalp wurde auf dem Huckepackzug von Hamburg-Altona nach Lörrach verzurrt. Nach einem Kulturstopp bei Basel (CH), Augusta Raurica am nächsten Morgen gab’s schon diverse Kurven durchs Jura, vor und zurück über die Grenze (F)  (CH) und noch schnell die »Todesleitern« in der Doubs-Schlucht bei La Chaux-de-Fonds erklommen. Zum Wasserfall Saut du Doubs kommt man am besten per Boot – zu voll an diesem sonnigen Samstag. Also endlos weitergekurvt und bei Orbe müde den Zeltplatz angesteuert.

Die antiken Mosaikfussböden waren bekannt (vgl. 1997), daher wurde morgens die (noch) verkehrsarme Prachtstraße von Lausanne nach Montreux genommen, zum Château de Chillon. Zur Sonne am Genfer See fehlten jetzt nur noch die Berge – also via Martigny rauf zum Col de la Forclaz (1.526 m) und noch ca. 500 Meter höher auf kleiner Kehrenstraße zum – stark besuchten – Lac d’Emosson. Nach ausgiebiger Jause am Stausee ging’s danach über den nicht so dollen Col des Montets (1.461 m) runter zum Bergsteiger-Spielplatz Chamonix (F).

Nach sternenklarer Bergnacht im Zelt – will sagen kalt – wurde gleich um 900 Uhr ein Ticket auf den le Brévent (2.526 m) gelöst – mit tollem Blick zum Mont Blanc gegenüber. Sofort startete ein Sieben-Stunden-Stiefeltest über gefühlte sieben Montan-Meilen. Zuerst staubig über sommerliche Skipisten, dann endlos zum Lac Blanc und abnorme 1.500 Meter abwärts. Schließlich nach Argentière über steile Stahlleitern (ohne Seil), wo final ein freundlicher Franzose den Rücktransport übernahm. Sagen wir, in einem »voiture antique« (ohne TÜV).

Tags darauf (mit regen Regen) ging’s für enormes Geld durch den berüchtigten Mont-Blanc-Katastrophentunnel, um im halbwegs trockenen Italien (I) eine grandiose Asphalthürde zu nehmen: Der wolkige Col del Nivolet (2.612 m) nach schlappen 50 Kilometern Sackgasse. Ziemlich zügig zuckelte ich ins Susatal zum Top-of-Schotter: Colle Sommeiller (3.050 m), mit Horizontal-Blick auf Gletscherspalten. Etwas abfahrtsmüde dann in einer Kieselkehre leicht verbalanciert und aus dem Stand ›abgelegt‹, aber Ross und Reiter blieben wohlAuf.

Geheimtipp: Sturatal, genauer das Armatal, westlich von Cúneo – putzige Murmeltiere und Panorama vom steinigen Colle d’Ancoccia (2.533 m) auf die Rocca la Meia. Weiter auf windigen Windungen und eiskalten Kehren (vor dem neuen Tunnel rechts!) zum Col di Tenda (1.871 m), zugleich die Grenze (F) mit schmuckem Fort Central. Nach konzentrierter Abfahrt und endlosen Teerkurven empfing die Côte d’Azur den einsamen Alpinisten mit Lärm und Hektik im Monaco-Nizza-Cannes-Dreieck, diesmal (vgl. 1995) leider auf Autobahnhöhe.

Die [A57] Richtung Westen wurde zwar leerer, dafür der Himmel voller. Die Taufe gab’s kurz hinter Hyères – somit folgte ein höchst H2O-haltiger Camping-Sonntag. Aber Montagmorgen pflugs einen Skipper aufgesucht und ab auf die – doch recht beliebte – Ile de Porquerolle. Das Eiland war noch wegen Waldbrandgefahr *prust* multipel gesperrt, also allerbestes Terrain für Gesetzesbrecher: Glasklares Badewasser abseits am Pointe de l'Oustau, dahinter ein weitläufiges Paradies für Pfadfinder, mit sonnigen Blicken von stürmischen Kaps auf Boote…




…und exotisches Kleingetier.


 

Die folgende Kurzetappe führte nicht gerade staubtrocken über Toulon mit der kriegslastigen Einbahn-Panorama-Schleife rund um den Mont Faron (584 m) zur Außenmauer des gleichnamigen Fort Faron. In Folge noch das ruinöse Château d’Evenos angezielt – tropfengetrübt der Blick auf die Gorges d’Ollioules. Danach wurde munter mediterran und verkehrsreich nach Cassis navigiert. Pflicht neben dem netten Ort mit Hafen war natürlich der Mega-Marsch zu den Calanques, nur das ›faule‹ Wasser in den fjord-ähnlichen Gebilden etwas zu naturtrüb.

Deshalb blieben auch meine Schwimmfüsse und der Rest faul und richteten sich rechtzeitig auf reichlich Rückweg ein. Ganz in der Nähe lag da noch das wuselige Marseille, sicherheitshalber mit Vorortzug geentert wegen bequemen Sommer-Outfits und überlieferter Gefahr von massiver Eigentumsumverteilung. Aber nach dem ersten Schock – Verkehr und Hundehaufen – war von »French Connection« nichts zu merken. Mais attention! Längst nicht alle Menschen schienen in der hitzigen Multi-Kulti-Metropole wie Gott in Frankreich zu leben.

Für uns Kurzzeit-Touris ideal: Der Wellenritt vom Vieux Port zum Château d’If, sofern Käpt'n Iglo & Konsorten den Kahn dorthin bugsieren können. Ich sage nur: Hafennahe Rückkehr ohne S.O.S. und rein ins Ersatzboot. Dann aber wie im Bilderbuch, auch wenn der viel zitierte Graf von Monte Cristo fehlte – dieser Bunker-Bolide war sehr empfehlenswert. Zweites Highlight war die Notre Dame de la Garde (162 m) im hübschen Zebramuster und mit Goldmarie auf dem 40-Meter-Turm. Neben einer superben Aussicht begeisterte das maritime Intérieur.

Wie es sich für eine Hafenstadt geziemt, wurde an Bootsbildern und mobilen Schiffsmodellen wahrlich nicht gespart. Wenig Luxus, dafür lautes Leben (und auch Elend) fand ich auf kleinen Märkten in den ›gefährlichen‹ Gassen. Soviel Stadt machte satt und matt. Somit war die Zugfahrt zurück nach Cassis eine gute Alternative. Übrigens hat in Marseille kein Marseillais die Marseillaise gesungen. Auch kommt der Cassis nicht aus Cassis. Und noch ein geplatzter Traum: Am Cap Canaille (362 m) gegenüber waren mir zu viele Kanaillen und Regenwolken.

Auf dem Weg nach Norden, vom mediterranen Trubel über den meditativen Parc de St. Pons wurde noch schnell im mediävalen Avignon angehalten. Erschütternd, der liedgut-verdächtige und kostenpflichtige Rhône-Übergang Pont St. Bénezet war noch nicht einmal halb fertig! Der internationale Besucherstrom vergnügte sich inszwischen mit den abgebildeten Audio-Teilen. Insidertipp für die Kultursüchtigen unter Euch: Das päpstliche Palais des Papes war einfach nur protzig groß und hatte wenig Prunk inside. Also die €uronen besser woanders anlegen.

Im Vercors südwestlich von Grenoble war Pont-en-Royans ein malerischer Übernachtungspunkt - mangels intakter Zeltplätze wählte ich das Hotel über dem Wassermuseum. Nettes Design und noch dazu günstig! Die Schluchten in der Umgebung gehörten zum Fahrpflichtprogramm. Leider (nomen est omen) gab’s auch viel Wasser von oben, also erstmal die Grottes de Choranche angesteuert. Auch verwöhnte Speläologen (tolles Wort) hätten ihre Freude an den spaghetti-dünnen Stalaktiten (ja ja) und der Grottenolm-Sammlung gehabt.

Einige Tunnel-am-Abgrund-Strecken waren zwar wieder trocken (z.B. die Grands Goulets), aber schon auf dem Abstecher zum Col de Rousset (1.254 m) wurde es gar nicht warm ums Herz. Im Gegenteil! Ausgerechnet die Combe Laval hüllte sich in extreme Nebelschwaden, wobei sich die ›berühmten‹ 600 Meter freier Fall neben der niedlichen Fahrbahnmauer als Sorgenfalten, wenn nicht gar als Angstschweiss im Helm archiviert haben. So war die letzte heiße Dusche im warmen Zimmer vs. den üblichen Camping-Ambitionen eine gute Wahl.

Bei – vulgo – Sauwetter wurden den ganzen Sonntag über diverse Autobahn-Abschnitte bis Lörrach (D) getestet. Nachdem die silberne Bergziege nebst Hirtenjunge nach insgesamt 2.685 km in den letzten Autozügen lagen, war es eigentlich egal, daß wegen unfähiger Entladerampe im geplanten Bremen die lustige Fahrt bis Hamburg verlängert wurde. Das zur Gleitzeit im Büro am Montag…